Friedenswossa

von Melinda Rózsa

Ich reise bald ab. Es ist Zeit, meine Koffer zu packen. Je näher der Abreisetermin rückt, desto größer wird meine Sorge, etwas zu vergessen.

Würde ich mir Sorgen machen? Wirklich? Früher fürchtete ich mich vor der Angst, jetzt macht es mir tatsächlich Spaß. Ich packe einfach alles ein, was ich für die Reise brauche. Damit nichts vergessen wird, habe ich eine Checkliste geschrieben.

Nicht vergessen: Neugier.

Neue Leute kennenlernen. Vorsicht schadet natürlich nicht.

Die wahre Red Flag ist der vorzeitig ausgespielte Joker. Zum Beispiel, wenn man schon beim ersten Date sagt: „Sorry, so bin ich halt.“ Ja!

Und noch dazu: Ich hatte eine schwierige Kindheit; ich habe PTBS, seit meine Katze meinen Hamster gefressen hat; ich trinke zu viel, ich rauche zu viel… Und natürlich: Ich bin ein Fuckboy, was passieren wird, wird passieren, aber deine Gefühle sind mir egal. Vergiss einfach meinen Namen, und ich vergesse deinen!

Okay, dann werde ich nicht einmal versuchen, so zu tun, als meine emotionale Intelligenz nicht künstlich wäre.

Nicht vergessen: Erfahrungen.

Meine Erfahrungen werde ich auf jeden Fall mitnehmen. Ich hatte einmal Sex mit einem weltberühmten Schriftsteller – nun, weltberühmt in Ungarn.

Seitdem weiß ich alles über Weltliteratur, zum Beispiel: „Breakfast at Tiffany’s“ ist ein Früh-Stück von Truman Capote. Oder: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ ist eine Kunderaberraschung!

Nicht vergessen: Nachdenken über die großen Fragen des Lebens.

Was ist der Sinn des Lebens? Was ist unsere Aufgabe in der Welt? Was ist das Geheimnis des ewigen Glücks?

Was, wenn zwei Menschen beim Sex gegenseitig an jemand anderen denken? Geht es diesem anderen Paar in einem parallelen Universum vielleicht gut? Und dort, in dieser anderen Welt – denken sie aneinander? Oder tauchen zwei neue Figuren auf, die wiederum in einem neuen Universum…? Dreht sich die Spirale immer so weiter, bis irgendwo, irgendwann jemand genau an das ursprüngliche Paar denkt, damit sie auf gewisse Weise doch wieder vereint werden?

Nicht vergessen: Identität.

Ich komme aus Ungarn. Magyar vagyok. I am from Hungary. Mir wird die Frage „Are you hungry?“ nie langweilig. Haha. Nein, wir haben keinen Hunger. Wir haben Durst. Wir leiden nicht an Alkoholismus – wir genießen es.

Ich lebe im achten Bezirk von Budapest. Weiß hier jemand, wo der achte Bezirk ist? Es ist der tiefste Punkt der Stadt: der Marihuana-Graben.

Ich komme aus Ungarn, also bin ich ein Profi darin, langsamen und lustvollen Selbstmord zu begehen. Okay, andere Nationen nennen es vielleicht Liebe, aber ich bin Ungarin. Wir haben unsere eigene Liebesbibel namens Dramasutra. Verliebe dich einfach in die falsche Person! Ich meine: in die falscheste. So einen Typ findest du bestimmt im achten Bezirk – egal, ob du einen Mann suchst oder eine Frau.

In diesem Sinne ist mein Land geschlechtsneutral… trotz der Tatsache, dass die Regierung so homophob ist, dass sogar das Homeoffice bald verboten sein wird. LGBTQ-Bewegung? Schon eine Regenbogenfahne löst Panik aus! Dabei hat unsere eigene Nationalflagge drei Farben: Rot, Weiß und Grün – eine mehr als die österreichische! Rot, Weiß, Grün… Ist das nicht zu viel? Eine Farbe würde reichen. Sagen wir: Rot. Eine wahre Red Flag!

Dies ist einer der Gründe, warum ich viel ins Ausland reise.

Oft kommt es vor, dass mich jemand fragt: „Woher kommst du?“ Wenn ich antworte: „Aus Ungarn“, lautet die Reaktion oft: „Bukarest?“ Dann sage ich: „Nein, Budapest.“
„Ach so, Viktor Orbán!“
„Nein, nein! Bukarest!”

Nicht vergessen: Lachen. Besonders das Lachen meiner Urgroßmutter.

Während des Zweiten Weltkriegs wollte meine Urgroßmutter die Kettenbrücke überqueren. Ein Soldat lenkte sie ab. Dann: BOOM! Wie in klassischen Comics – und dieser Soldat störte niemanden mehr. Meine Urgroßmutter stand einfach nur da und hörte zu. Und sie schwieg weitere zehn Jahre. Dann fing sie an zu lachen. Sie hat nie wieder angefangen zu reden. Nur gelacht.

Ich war kurz vor dem Krieg in Odessa, und damals wirkte die Ukraine noch wie ein ziemlich lustiges Land. In Odessa gibt es eine Lenin-Statue, die nicht abgerissen, sondern in Darth Vader umgewandelt wurde. Wirklich! Kein Scherz! Der recycelte dunkle Herrscher steht auf einem Fabrikgelände – im Land, in dem sich die dunkelsten Wolken unaufhörlich zusammenziehen.

Nicht vergessen: Märchen.

Geschichten, die ich von meiner Urgroßmutter gehört habe. Genauer gesagt: von ihrem Lachen.

„Was hast du geträumt?“, fragte das Mädchen am Morgen den König.
„Nichts. Ich träume schon lange nicht mehr.“
„Seit wann?“
„Seit meiner Krönung.“
„Wie ist das möglich?“
„Ich bin König. Ich muss auch nachts herrschen.“
„Das muss sehr anstrengend sein. Und auch traurig. Wovon hast du früher geträumt?“
„Davon, König zu werden.“

Oder:

Es war einmal ein reicher Mann. Er besaß ein riesiges Anwesen: Wälder, Felder, Ackerland und Weiden, Flüsse und Seen, sogar ganze Dörfer. Eines Tages machte sich der reiche Mann auf, seinen höchsten Berg zu besteigen – bis ganz nach oben, um zu sehen, ob er von dort aus alles überblicken konnte. Oben angekommen, blickte er zufrieden umher.
„Fabelhaft! Und es gehört alles mir! Mir!“, hüpfte er fröhlich herum.
„Natürlich, natürlich…“, gab der Bär zu, bevor er ihn in Stücke riss.

Ich mag Bären. Mein Lieblingstier ist doch der Homo sapiens.

Nicht vergessen: Pinkawossa.

Zunächst ein paar Worte zur Pinka. Der Name könnte seinen Ursprung vielleicht im Lateinischen haben: aus pinea (die Kiefer) und aqua (das Wasser). Also: „Wasser aus den Kiefernwäldern“. Also: Pinkawossa ist Wossawossa!

Die Pinka fließt in die Raab, die Raab in die Donau, und die Donau erreicht Budapest. Die Gesamtlänge beträgt etwa 250 Kilometer. Mit meinem Ruder-Schlauchboot schaffe ich 4 Kilometer pro Stunde. Daher wird die Fahrt ungefähr 62,5 Stunden reine Paddelzeit dauern. Mit Pausen und Übernachtungen brauche ich mindestens eine Woche für die gesamte Strecke.

Wenn ich pro Tag (sagen wir) fünf Pinkawossa saufe, wie viele brauche ich dann für eine Woche? 35! Mindestens. Das muss ich unbedingt mitnehmen!

Nicht vergessen: Erinnerungen.

Die Erinnerungen muss ich nicht einpacken, denn sie sind auch unterwegs verfügbar. Wieso? Es sieht ganz so aus, als ich den einzigen glaubwürdigen Beweis für die Wirksamkeit der Homöopathie gefunden hätte.

Die Theorie ist bekannt: Wasser hat ein Gedächtnis. Man gibt eine winzige Menge von etwas hinein, schüttelt es ordentlich durch – und plötzlich wirkt es in großer Dimension. Je verdünnter, desto stärker. Keine Moleküle mehr, aber das Wasser erinnert sich!

Und jetzt kommt der Beweis: Rund 2000 Menschen feiern auf dem Picture On Festival an den Ufern der Pinka. Die Pinka fließt in die Raab, die Raab in die Donau, und die Donau erreicht Budapest – wo das Sziget-Festival mit über 50.000 Menschen stattfindet.

Was schließen wir daraus? Die Partystimmung der Pinka überträgt sich offenbar – molekülfrei, aber hochpotent – bis zum Sziget. Homöopathie auf die reinste Art und Weise: ein paar Tropfen Festivalfeeling in der Pinka, verdünnt durch hunderte Kilometer Flusslauf, entfalten schließlich ihre volle Wirkung auf Zehntausende.

So hat ein Fluss Einfluss.

Für den Weltfrieden genügt es, dem Fluss Tropfen für Tropfen große Wahrheiten und weise Gedanken hinzuzufügen. Und ein paar Küsse. Wissenschaftler zeigen, dass die Konzentration der Liebe im Wasser zunimmt. Die Pinka trägt sie zur Raab, die Raab fließt in die Donau, und die Donau mündet ins Schwarze Meer.

Die Botschaft erreicht ihr Ziel und verbreitet sich entlang der gesamten Küste der Ukraine und Russlands, schwimmt im Hafen von Odessa, landet auf der Halbinsel Krim. Alle Soldaten werfen ihre Waffen weg, die alten russischen Generäle sogar ihre Orden. Der Krieg endet – und in seiner luxuriösen Datscha, die zum Tierheim umgebaut wurde, sitzt Putin mit einer fröhlich schnurrenden Katze auf dem Schoß… und trinkt ein Pinkawossa.

Prost!